Mitten in der Nacht aufzuwachen, weil man pinkeln muss, ist für viele Menschen nachvollziehbar. Man war gerade noch im Tiefschlaf und muss plötzlich aufstehen. Das ist lästig und stört die Nachtruhe. Oft wird angenommen, dass es einfach an einer vollen Blase liegt. Doch nächtlicher Harndrang kann verschiedene Ursachen haben.
Nächtliches Wasserlassen ist üblich
Nach Angaben des Urologen Jamie Drossaerts steht mehr als die Hälfte der Männer und Frauen über 60 nachts auf, um zu urinieren. Der medizinische Fachbegriff dafür lautet Nykturie. Untersuchungen zeigen, dass etwa 40 Prozent aller Erwachsenen mindestens einmal pro Nacht urinieren.
Dieses Problem nimmt mit dem Alter zu. Bei jüngeren Menschen ist es weniger häufig. Wenn man älter wird, verändert sich der Körper. Das wirkt sich auf die Blase und die Urinproduktion aus.
Frauen leiden bis zum mittleren Alter etwas häufiger an Nykturie als Männer. Danach ändert sich dieses Bild. Bei Männern nimmt die Zahl der nächtlichen Toilettengänge schneller zu. Dies ist oft auf eine Prostatavergrößerung zurückzuführen.
Im höheren Alter sind Männer dann wieder häufiger betroffen als Frauen. Es ist also ein Problem, das jeden treffen kann, das aber nicht bei jedem die gleiche Ursache hat.
Die Rolle von Blase und Lebensstil
Beckenphysiotherapeut Fleur Segeren erklärt, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Es geht nicht nur um die Blase selbst. Auch das Blasenvolumen, die nachts produzierte Urinmenge und das Trinkverhalten spielen eine Rolle.
Was Sie trinken, spielt ebenfalls eine Rolle. Koffein, Alkohol und kohlensäurehaltige Getränke regen die Blase an. Dies kann den Harndrang verstärken. Wie oft Sie tagsüber urinieren, wirkt sich auch auf die Nacht aus.
Einige Menschen haben die Angewohnheit, immer vor dem Schlafengehen zu urinieren. Das scheint logisch, kann aber auch kontraproduktiv sein. Es lehrt die Blase, schneller zu urinieren, auch wenn es nicht nötig ist.
Es ist wichtig, so Drossaerts, nicht aus Gewohnheit zu urinieren. Das gilt besonders für Frauen. Versuchen Sie, die Blase nicht unnötig zu entleeren, auch nicht in jedem wachen Moment.
Einstellbare Ursachen für Nykturie
Es gibt mehrere Faktoren, die Sie selbst beeinflussen können. Kälte kann die Blase reizen. Stress verursacht manchmal eine angespannte Blase. Dies wird auch als Stressblase bezeichnet.
Nicht genug zu trinken kann ebenfalls Probleme verursachen. Es klingt widersprüchlich, aber konzentrierter Urin reizt die Blasenwand. Dadurch entsteht schneller Harndrang, auch nachts.
Segeren rät Erwachsenen, täglich eineinhalb bis zwei Liter Wasser zu trinken. Verteilen Sie diese Menge auf den Morgen und den frühen Nachmittag. Abends sollte man lieber weniger trinken.
Getränke, die die Blase anregen, können auf maximal zwei pro Tag begrenzt werden. Kombinieren Sie sie vorzugsweise mit Wasser. Auch salzige Speisen oder eine schwere Mahlzeit am späten Abend können sich auswirken.
Bitte entleeren und entspannen
Fachleute empfehlen, alle zwei bis drei Stunden auf die Toilette zu gehen. Dabei sollten Sie sich Zeit lassen. Es ist wichtig, die Blase vollständig zu entleeren. Das funktioniert besser, wenn man entspannt ist.
Drossaerts erklärt, dass die Entspannung des Beckenbodens und des Schließmuskels hilft. Dadurch kann sich die Blase besser zusammenziehen. Das sorgt für ein vollständigeres Entleerungsgefühl.
Je besser Sie Ihre Blase entleeren, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie erneut Harndrang verspüren. Das gilt sowohl tagsüber als auch nachts.
Segeren unterstreicht die Bedeutung der Atmung. Eine ruhige Bauchatmung hilft, den Beckenboden zu entspannen. Dadurch wird die Empfindlichkeit der Blasenwand verringert.
Mehr Entspannung verringert oft den Harndrang. Wenn dies nicht von selbst funktioniert, kann die Anleitung durch einen spezialisierten Beckenphysiotherapeuten helfen.
Atmung und Schlafqualität
Auch die Atmung im Schlaf spielt eine Rolle. Laut Drossaerts hängen Mundatmung und Schlafstörungen mit dem nächtlichen Wasserlassen zusammen. Schnarchen und Schlafapnoe können hormonelle Veränderungen hervorrufen.
Diese Veränderungen regen die Nieren an, mehr Urin zu produzieren. Das hat zur Folge, dass man nachts häufiger urinieren muss.
Schlafexperte Floris Wouterson betont die Bedeutung der Nasenatmung. Bei der Nasenatmung gelangt Stickstoff in den Körper. Das senkt den Blutdruck und entspannt die Blase.
Wouterson zufolge führt Anspannung tatsächlich zu mehr Trieben. Je mehr Reize, desto mehr wird der Körper angespannt. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit des Aufwachens.
Bei Mundatmung gerät der Körper aus dem Gleichgewicht. Der Blutdruck steigt an und die Atmung bleibt flach. Der Körper gerät in eine Art Wachzustand.
Die Nieren beginnen, härter zu arbeiten. Infolgedessen produzieren Sie mehr Urin. Sie wachen auf, weil Ihr Gehirn denkt, dass etwas getan werden muss. Nicht weil die Blase tatsächlich voll war.
Mundband als Werkzeug
Wouterson erwähnt Mundpflaster als eine mögliche Lösung. Dieses hilft den Menschen, nachts durch die Nase zu atmen. Ihm zufolge verspüren viele Menschen dadurch weniger Verlangen.
Er mahnt jedoch zur Vorsicht. Verwenden Sie nur spezielles chirurgisches Klebeband. Fangen Sie gegebenenfalls tagsüber an, um sich daran zu gewöhnen.
Das Ziel ist die Entspannung im Schlaf. Ein entspannter Körper produziert weniger Urin. Das hat zur Folge, dass man länger schläft.
Wenn es mehr sein darf
Wenn Sie mehr als dreimal pro Nacht pinkeln, kann etwas anderes im Spiel sein. Segeren weist auf mögliche medizinische Ursachen hin. Eine davon ist Herzinsuffizienz.
Bei einer Herzinsuffizienz hat das Herz Probleme, tagsüber Flüssigkeit abzugeben. Der Körper behält diese Flüssigkeit zurück. In Ruhe, z. B. in der Nacht, wird sie trotzdem abgeleitet.
Dies führt zu einer starken nächtlichen Urinproduktion. Dieses Signal sollte ernst genommen werden. In diesem Fall ist es wichtig, den Hausarzt zu kontaktieren.
Physiotherapeuten können hier helfen, indem sie rechtzeitig Überweisungen ausstellen. Auf diese Weise können zugrunde liegende Probleme schneller erkannt werden.
Nächtliches Wasserlassen ist also nicht immer harmlos. Oft kann man selbst viel verbessern. Aber manchmal ist ärztliche Hilfe nötig.
Wenn man auf Lebensweise, Atmung und Entspannung achtet, kann man den Schlaf oft verbessern. Und besserer Schlaf bedeutet mehr Energie für den Tag.
Quelle: The Telegraph









