Viele Menschen kennen dieses Gefühl nur zu gut. Der Wecker klingelt, der Kopf ist schwer, die Stimmung im Keller. Schnell ist eine Erklärung parat: Hunger. Kein Frühstück. Der Blutzucker ist schuld.
Der Begriff „hangry“ hat sich dafür eingebürgert. Eine Mischung aus hungrig und wütend. Lange galt ein niedriger Blutzuckerspiegel als Hauptursache für morgendliche schlechte Laune.
Doch neue wissenschaftliche Erkenntnisse stellen diese Annahme infrage. Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Sache deutlich komplexer ist.

Was bedeutet eigentlich „hangry“?
„Hangry“ beschreibt einen Zustand, in dem Hunger scheinbar direkt zu Gereiztheit führt. Viele Menschen berichten, dass sie ohne Frühstück schneller genervt reagieren.
Im Alltag klingt das logisch. Wenn dem Körper Energie fehlt, leidet auch die Stimmung. Diese Erklärung hat sich festgesetzt und wurde kaum hinterfragt.
Doch Wissenschaft lebt davon, Annahmen zu überprüfen. Genau das haben Forscher nun getan.
Die neue Studie aus Tübingen
Wissenschaftler der Universität Tübingen untersuchten, wie Hunger, Blutzucker und Stimmung wirklich zusammenhängen. Dafür trugen die Teilnehmenden kontinuierliche Glukosemessgeräte.
Mehrmals täglich gaben sie an, wie hungrig oder satt sie sich fühlten. Zusätzlich bewerteten sie ihre aktuelle Stimmung auf einer Skala von sehr glücklich bis sehr traurig.
So konnten subjektives Empfinden und objektive Messwerte direkt miteinander verglichen werden.
Überraschendes Ergebnis der Forschung
Das Ergebnis war klarer als erwartet. Ein niedriger Blutzuckerspiegel führte nicht automatisch zu schlechter Laune.
Manche Teilnehmende waren trotz niedriger Glukosewerte gut gelaunt. Andere fühlten sich auch bei normalen Werten gereizt oder müde.
Der Blutzucker allein erklärt also nicht, warum wir uns morgens schlecht fühlen.
Entscheidend ist die Bewertung des Hungers
Viel wichtiger als der Messwert ist, wie Menschen ihr Hungergefühl wahrnehmen. Hunger ist nicht nur ein körperliches Signal, sondern auch eine mentale Erfahrung.
Wer Hunger als bedrohlich oder störend empfindet, reagiert anders als jemand, der ihn neutral oder sogar positiv bewertet.
Fastende Menschen oder Personen beim Abnehmen erleben Hunger oft als Zeichen von Fortschritt. Das kann die Stimmung sogar verbessern.
Schlaf beeinflusst die Morgenstimmung stark
Ein entscheidender Faktor ist die Schlafqualität. Wer schlecht schläft, ist am Morgen deutlich anfälliger für Gereiztheit.
In der Studie zeigte sich, dass guter Schlaf schlechte Laune trotz Hunger abfedern kann. Schlechter Schlaf verstärkt hingegen negative Gefühle.
Die Matratze, nächtliche Geräusche oder zu kurze Schlafdauer spielen hier eine große Rolle.
Emotionen sind stärker als Blutwerte
Die Forscher stellten fest, dass Emotionen und Erlebnisse einen großen Einfluss haben. Wer etwas Positives erlebt hatte, blieb oft gut gelaunt.
Ablenkung, Vorfreude oder ein angenehmes Gespräch wirkten stärker als der Blutzuckerwert.
Das zeigt, wie eng Stimmung und psychische Faktoren miteinander verknüpft sind.
Hunger ist nicht gleich Hunger
Hunger fühlt sich nicht für jeden gleich an. Manche Menschen spüren ihn früh und intensiv. Andere nehmen ihn kaum wahr.
Auch kulturelle und persönliche Erfahrungen prägen den Umgang mit Hunger. Wer gelernt hat, Mahlzeiten zu überspringen, reagiert gelassener.
Der Körper sendet Signale, doch der Kopf entscheidet, wie sie interpretiert werden.
Warum Frühstück nicht die ganze Lösung ist
Natürlich kann Frühstück helfen. Essen liefert Energie und Struktur für den Tag. Doch es ist kein Wundermittel gegen schlechte Laune.
Wer glaubt, jede schlechte Stimmung liege am fehlenden Frühstück, übersieht andere Ursachen.
Stress, Sorgen, Überforderung oder fehlende Motivation für den Tag spielen oft eine größere Rolle.
Fasten und gute Laune schließen sich nicht aus
Viele Menschen fasten bewusst, etwa aus gesundheitlichen oder religiösen Gründen. Die Studie zeigt, dass Fasten nicht automatisch schlechte Laune erzeugt.
Entscheidend ist die innere Haltung. Wer das Fasten freiwillig wählt, empfindet Hunger anders.
Zwang und Druck hingegen verstärken negative Gefühle, unabhängig vom Blutzucker.
Die Rolle von Erwartungen am Morgen
Der Blick auf den kommenden Tag beeinflusst die Stimmung stark. Freude auf Termine oder Aufgaben hebt die Laune.
Stressige To-do-Listen oder ungeliebte Verpflichtungen wirken dagegen belastend.
Diese emotionale Bewertung beginnt oft schon beim Aufwachen, noch bevor Hunger spürbar wird.
Morgenmuffeligkeit hat viele Ursachen
Schlechte Laune am Morgen entsteht selten durch einen einzigen Faktor. Meist kommen mehrere Dinge zusammen.
Schlaf, Stress, Emotionen, Gewohnheiten und Erwartungen wirken gemeinsam.
Der Blutzucker ist dabei nur ein kleiner Baustein, nicht der Hauptverursacher.
Was hilft wirklich gegen schlechte Laune am Morgen?
Ein bewusster Start in den Tag kann viel bewirken. Ausreichend Schlaf ist die wichtigste Grundlage.
Auch kleine Rituale helfen, etwa ruhiges Aufstehen, Licht, Bewegung oder Musik.
Wer Hunger als neutral wahrnimmt, nimmt ihm seine emotionale Sprengkraft.
Verantwortung statt Ausrede
Die Studie entlastet den Blutzucker von seinem schlechten Ruf. Schlechte Laune lässt sich nicht einfach auf den Körper schieben.
Das bedeutet auch Verantwortung. Die eigene Stimmung hängt stark davon ab, wie Situationen bewertet werden.
Das eröffnet zugleich Handlungsspielraum und Veränderung.
Fazit: Hunger ist nicht der Schuldige
Die Annahme, dass niedriger Blutzucker automatisch schlechte Laune verursacht, hält der wissenschaftlichen Prüfung nicht stand.
Viel entscheidender ist, wie Hunger empfunden, bewertet und in den Alltag eingeordnet wird.
Schlaf, Emotionen und mentale Einstellung prägen die Morgenstimmung stärker als jede Messzahl.
Wenn also jemand morgens muffelig ist, liegt das selten nur am fehlenden Frühstück.
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